Klaus Bock: zu  Edith Payers Arbeiten

Edith Payer baut Bühnen, um Gegenständen zu einer ungerechtfertigten Aufmerksamkeit zu verhelfen. Ungerechtfertigt, weil dem Blick ohne jedem Versuch der Überhöhung begegnet wird. Darauf gründen die Überraschung, die ihre Arbeiten auslösen, sowie die darin mitschwingende Ironie. [i]

Die gezeigten Objekte werden von Edith Payer vor ihrem Auftritt mit Liebe imprägniert und mit einer Persönlichkeit versehen. Weil sie von der kundigen und von zärtlicher Aufopferung geleiteten Hand der Künstlerin in unser Blickfeld geschoben werden, sind wir diesen krummen, verwitterten, mickrigen Genossinnen und Genossen besonders zugeneigt. Das, was sonst als Abfall und Überschuss ungefragt vor den Vorhang tritt und damit die Bedrohlichkeit der ökologischen, ökonomischen und sozialen Dauerkrisen ins Bewusstsein bringt, hat Edith Payer für uns archiviert und Folge dessen des gefährlichen Moments der Unberechenbarkeit beraubt. Die Artefakte können nun getrost belächelt werden, ohne darüber zu erschrecken, wie einfältig diese Geste ist – denn diese Gegenstände blicken ja, wie Michael Hammerschmid meint, nur in unserer Einbildung zurück.[ii]

Was Edith Payers Arbeiten fehlt, ist das Pathos der einfachen und damit „genialen“ Geste, wie sie dem omnipotenten Künstler eigen ist, der nach Belieben alles zu einem Kunstwerk erklären kann.[iii] Vergleichbar mit der Vorgehensweise, die Vanessa Joan Müller in der Arbeit von Heinrich Dunst beobachtet,[iv] verzichtet Edith Payer darauf, einzelnen Objekten vermögens unzweifelhafter Künstlerinnen-Autorität sakralen Charakter zu verleihen. Das Kunstwerk besteht viel eher in der Sammlung der Gegenstände, deren Präsentationsweise, im neuartigen Arrangement, der Kombination mit andersartigen (mitunter selbst angefertigten) Artefakten, der Überführung in ein anderes Medium oder gar der Interpretation und Realisierung fremder künstlerischer Konzepte.[v] Gemein ist ihren Arbeiten, dass sie fortlaufend überraschen, indem niemals zweimal dieselbe Verfahrensweise zur Anwendung gelangt. An einem Ende des Spektrums ist die Archivierung gefundener Dinge anzusiedeln.

Das andere Extrem stellen Arbeiten dar, die zur Gänze von Edith Payers Hand sind, wie ihre textilen Skulpturen, deren Grundstoffe jedoch wiederum in den meisten Fällen an irgendeinem Wegesrand von ihr aufgelesen wurden (manchmal ist das Verhältnis auch umgekehrt). Dank präzisen Handwerks in technischer Perfektion ausgeführt, sträuben sich auch Letztere erfolgreich gegen jedes Pathos. Diese Resistenz wird vermittels einer fein abgestimmten Mischung aus Ekelerregendem, Ironischem, Wunderlichem und Erschreckendem entwickelt, und ist zugleich dem prekären Status zu verdanken, den das Textile in der Kunst innehat. Der alter- und eigentümliche „Genie“-Gedanke, die männlich konnotierte Geste des Kunstschaffens als brachialer Akt, ist dem Feinen und Fragilen genauso wie handwerklichem Geschick und Fleiß (die den fruchtbaren Schoß für die Arbeit mit Textilien bereiten) spinnefeind. [vi]

Payers Oeuvre ist selbstredend zu facettenreich, um in diesem Text mehr als nur einen knappen Einblick zu    gewähren. Auch – und das ist in ihrem Fall durchaus als Qualitätsmerkmal anzusehen – bieten viele ihrer Arbeiten wenig Anlass zu Verbalisierungen. Da kommt es sehr zupass, dass Payer ihre Zeichnungen, wie sie in draaaaawwwwwwnnnnnn (2013) veröffentlicht wurden, selbst mit kurzen Kommentaren versieht. In Anbetracht dieser Werke ist am leichtesten in Worte zu fassen, worin die Attraktivität ihrer Arbeitsweise besteht: Ironie, keineswegs aber alberner Witz,[vii] sowie Leichtigkeit und Zugänglichkeit, die auch bei oberflächlichster Betrachtung (oder Lesung) nicht mit Einfältigkeit verwechselt werden können.


[i] Siehe dazu Liessmann, Konrad Paul: Reiz und Rührung. Über ästhetische Empfindungen. Facultas, Wien 2004. S. 94f und S. 146-163.

[ii] Auch zur Individualisierung, Archivierung, zur Unberechenbarkeit und Bändigung sowie zum Belächeln vgl. Hammerschmid, Michael: Als wären wir doch sie selbst?! Zu Edith Payers Sammlung „faces“. Paris, 25.2.2011. Text zur Ausstellung „Faces No. 1-500“, Passagegalerie k/haus Wien 2012. Zur Berechenbarkeit und der Gefahr vgl. Beck, Ulrich: Gegengifte. Die organisierte Unverantwortlichkeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988. Zum Lächerlichen vgl. auch Liessmann a.a.O. (FN 1), S. 85-99.

[iii] Vgl. dazu Dunst, Heinrich: Warum sich das Abstrakte nicht selbst erkennt. Das Problem der Identität ästhetischer Formulierungen. In: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder (Hrsg.): Heinrich Dunst. Ausstellungskatalog, Wien 1993. S. 6-15. Zugriff unter: www.schwarzwaelder.at/galeriedt/mainkun.htm am 10.4.2014; Liessmann a.a.O (FN1), u. a. S. 94f; Kogler, Susanne: Autorschaft, Genie, Geschlecht. Einleitende Überlegungen zum Thema. In: Knaus, Kordula/Kogler, Susanne (Hrsg.): Autorschaft – Genie – Geschlecht. Musikalische Schaffensprozesse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien 2013. S. 9-22 (hier S. 11).

[iv] Vgl. Müller, Vanessa Joan: Jetzt ist es da / da ist es. In: Vereinigung bildenden KünstlerInnen Wiener Secession (Hrsg.): Heinrich Dunst. Da. Ausstellungskatalog, Secession Wien 2014. Revolver Verlag. S. 10-17.

[v] Siehe dazu insbesondere Payers Arbeit collection d’un amateur. Vgl. auch: Hammerschmid a.a.O. (FN 2) sowie Dunst a.a.O. (FN 3).

[vi] Siehe dazu Kogler a.a.O. (FN 3), S. 9-15; Unseld, Melanie: Genie und Geschlecht. Strategien der Musikgeschichtsschreibung und der Selbstinszenierung. In: Knaus, Kordula/Kogler, Susanne (Hrsg.): Autorschaft – Genie – Geschlecht. Musikalische Schaffensprozesse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien 2013. S. 23-45; Klaiber, Isabell: Gender und Genie. Künstlerkonzeptionen in der amerikanischen Erzählliteratur des 19. Jahrhunderts. Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2004 (insbesondere S. 85-87 und S. 133-154) sowie Liessmann a.a.O. (FN 1), insbesondere S. 21-36.

[vii] Im Sinne von Adorno, Theodor W., u. a. in: Versuch, das Endspiel zu verstehen, sowie: Ist die Kunst heiter? Beide Aufsätze publiziert in Ders.: Versuch, das Endspiel zu verstehen. Aufsätze zur Literatur des 20. Jahrhunderts I. 1. Auflage. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1973. S. 7-15 (Ist die Kunst heiter?) und S. 167-214 (Versuch, das Endspiel zu verstehen).